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Selbst- und Co-Regulation

„Regulationsstörung“ – das Wort hört man aktuell sehr oft und es kursiert viel darüber im Netz, besonders auf Social Media. Doch was bedeutet überhaupt „Regulation“ und wie können sich Kinder selbst regulieren?

{in Zusammenarbeit mit Logopädin, Still- und Laktationsberaterin Lina}

Regulation bedeutet, dass im menschlichen Körper Vorgänge, wie zum Beispiel Temperatur, Atmung oder Blutdruck, geregelt werden. Darunter fällt auch die Anpassung an wechselnde Bedingungen der Umwelt. Und sprechen wir in diesem Zusammenhang von der Selbstregulation, geht es noch einen Schritt weiter: es bedeutet, dass störende Faktoren, wie äußere Reize, selbst reguliert werden können.

Sich selbst zu regulieren ist eine zentrale Fähigkeit, die im Rahmen der frühkindlichen Entwicklung erlernt werden muss. Eine der ersten Aufgaben eines Säuglings ist es, die eigenen körperlichen Abläufe kennenzulernen, anzupassen (z.B. Körpertemperatur) und das eigene Verhalten dann, entsprechend der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung, der jeweiligen Situation anzupassen. In der Neugeborenenzeit sind es z.B. der aufmerksame Wachzustand,das ruhige Schlafen und der Übergang zwischen den beiden, sowie das  Hunger- und Sättigungsgefühl. Im zweiten Halbjahr des ersten Lebensjahres kommt das Verlangen nach Autonomie dazu. Durch die eigenständige Fortbewegung muss das Kind nun auch immer mehr mit physikalischen und sozialen Grenzen zurechtkommen. Dadurch entsteht immer häufiger Frustration, aber auch das Bedürfnis nach Nähe.

Die Aufgabe der Eltern besteht darin, ihre Kinder in dieser Entwicklung bestmöglich zu unterstützen und dort co-regulativ einzugreifen, wo die selbstregulativen Fähigkeiten noch nicht ausreichen. Zum Beispiel, wenn Eltern die Müdigkeitssignale ihres Babys wahrnehmen und durch Nähe unterstützen. Das Baby lernt mit der Zeit die eigenen Gefühle einzuordnen und selbständig regulierend darauf zu reagieren.

Die evolutionär natürliche Form der unterstützten Regulation findet durch den gehäuften Körperkontakt (Tragen, Bedding-In) und das Stillen statt. Beim Stillen nach Bedarf werden unterschiedliche Bedürfnisse erfüllt. Nähe, Hunger, Beruhigung. Es unterstützt zudem die Entwicklung des Hunger- und Sättigungsgefühls beziehungsweise ist eine Form der Selbstregulation, da der „Störfaktor Hunger“ beseitigt werden kann. Durch das Stillen ist auch die Oxytocinausschüttung höher als bei Flaschenernährten Babys. Dieses „Kuschelhormon“ trägt maßgeblich zur Entspannung bei. Es wird generell vermehrt ausgeschüttet, je mehr Haut-zu-Haut-Kontakt besteht.

Jedes Baby hat individuelle Bedürfnisse und auch Hunger und Sättigung empfindet jedes Baby anders. In den ersten Wochen ist das Stillen somit der ideale Weg zur unterstützten (Selbst-)Regulation. In dieser Zeit ist das regelmäßige Stillen zum Aufbau und Etablieren der Milchbildung besonders wichtig. In der gesamten Stillzeit spielen das Saugen, die Hormone und der dichte Körperkontakt bei der Regulation eine wichtige Rolle.

Nun besitzen aber auch Babys ein unterschiedliches Saugbedürfnis. Manche Babys stillen 10 Minuten und sind mit ihrer Mahlzeit fertig und benötigen nicht regelmäßig mehr „Saugzeit“. Andere sind zwar schnell satt und haben ihren Hunger gestillt, aber das Bedürfnis weiter zu saugen besteht und das lange und häufig am Tag. Diese Kinder benötigen diese Form der Co-Regulation, um sich in dieser neuen, lauten Welt zurechtzufinden. Im Idealfall sollte das Saugen an der Brust nicht von außen beendet werden. Denn Saugen aktiviert Beruhigungsreflexe im Körper. Besonders in den ersten Wochen kann es aber bei extrem häufigem Stillen auch sinnvoll sein, die Milchbildung und die Milchübertragung zu kontrollieren.

In manchen Fällen entscheiden sich Eltern dazu, dieses erhöhte Saugbedürfnis über einen künstlichen Sauger/Schnuller zu regulieren. Dies ist ein akzeptables Hilfsmittel, um die Regulation zu unterstützen, wenn es nicht häufiger oder eher weniger eingesetzt wird als das was es ersetzen soll. Denn generell ist ein „Dauernuckeln“ in der Evolution nicht vorgesehen und entgegen aller Werbeversprechen ist kein Schnuller „kiefergerecht“ oder „brustähnlich“. Zudem sollte dies nicht in den ersten sechs Lebenswochen geschehen und wenn, dann am Besten erst, wenn man sich mit den Einflüssen und möglichen Folgen von Schnullern auseinandergesetzt hat. Denn der Mund und das Gesicht sind der Schlüssel in den ersten Lebensmonaten, um die Welt zu entdecken und auch in der weiteren Entwicklung für jegliche Kommunikation. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt kann durch künstliche Sauger eingeschränkt werden. Wir brauchen diese Auseinandersetzung jedoch auch für die Regulation. Dazu gehört das Entdecken der eigenen Hand. Zum einen kann dieses Nuckeln/Saugen an der Hand bei der Selbstregulation helfen, zum anderen ist dieses in den Mund nehmen der Hand der erste Schritt zu einer guten Hand-Mund-Koordination, welche zum Beispiel für das Essen wichtig ist.

Saugen ist auch ein Teil der Regulation der Körperfunktionen. Nicht nur das es beruhigt, sondern es unterstützt, besonders zusammen mit Muttermilch, die Verdauung und das Verdauungssystem, welches sich erst auf Nahrung einstellen muss.

Anmerkung: Sollte ein Baby nicht gestillt werden, wird ein Schnuller empfohlen. Flaschenernährte Babys können während des Fütterns oder auch zwischendurch zur Beruhigung meist nicht ausreichend ihr Saugbedürfnis stillen und benötigen häufiger diese Unterstützung bei der Regulation.

Einigen Babys fällt die Selbstregulation schwerer als anderen. Sie sind reizoffener und nehmen die Umwelt stärker wahr. Viele Babys zeigen ihre Schwierigkeiten vor allem in den Abendstunden, wenn der Tag nachwirkt und der Übergang vom aufmerksamen Wachzustand in den ruhigen Schlaf stattfinden soll. Sie weinen oder sind unruhig. Das Weinen ist eine Art Ventil und eine Form der ersten Kommunikation. Dieses Weinen darf sein, sollte aber immer (Co-Regulativ) begleitet werden, damit das Baby lernen kann diesen Gefühlszustand einzuordnen. Stillen, halten, tragen, wiegen und sprechen helfen hier beim Beruhigen.

Nicht nur Babys benötigen manchmal die Unterstützung von außen. Auch größere Kinder brauchen immer mal wieder Hilfe um sich und ihre Gefühle einzuordnen. Für die einen ist es das geliebte Kuscheltier, andere brauchen vermehrte Kuscheleinheiten oder müssen sich körperlich austoben. Egal wie alt die Kinder sind ist es immer hilfreich die Situation verbal zu begleiten. Den (neuen) Gefühlen einen Namen geben und (gemeinsam) zu überlegen, was gerade helfen kann, um alle Körperfunktionen wieder in Einklang zu bringen.

 

*IN ZUSAMMENARBEIT MIT STILLBAR HAMBURG*

 

Quellen:

„Kinder verstehen“ Renz-Polster, Herbert

„Regulationsstörungen“ Hrsg. Cierpka, Manfred

„Auf die Welt gekommen“ Hrsg. Harms, Thomas

Deutsches Wörterbuch von Oxford Languages

„Breastfeeding and Breastmilk- From Biochemestry to Impact“ Hrsg. Family Larsson-Rosenquist Foundation