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Das zu kurze Zungenband

Das zu kurze Zungenband

 

Aus vielen Ecken hört man es derzeit: „das kurze Zungenbändchen“.

Was für Folgen kann ein zu kurzes Zungenbändchen haben? Und wie sehen Behandlungsmöglichkeiten aus? All das werden wir in diesem Blogartikel beantworten.

{in Zusammenarbeit mit Michaela Dreißig (M.A., IBCLC) und Dr. Veronika Langenberg (IBCLC)}

 

 

Zunächst ein paar allgemeine Informationen.  Jeder von uns hat ein Zungenband. Ein Problem entsteht nur dann, wenn eine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit vorhanden ist. In der Fachwelt spricht man von oraler Restriktion–  ein funktionseinschränkendes Zungenbändchen, Lippen- und Wangenbändchen. Dies kann der Fall sein, wenn das Zungenband zu kurz ist. Es kann zu Problemen bei der Nahrungsaufnahme (Essen, Trinken) und/oder der Sprachentwicklung kommen, wobei letzteres eher selten der Fall ist. Wie in vielen Fällen, muss der Einzelfall zunächst wie ein Puzzle betrachtet werden. Ein zu kurzes Zungenband kann der alleinige Grund für eine gestörte Nahrungsaufnahme sein, oder aber es liegen verschiedene Ursachen vor. Von Fall zu Fall wird hier individuell entschieden und gehandelt.

 

Stillen/ Flasche trinken

Stillen ist die natürliche Ernährung eines Säuglings. Stillen muss trotzdem niemand. Allerdings sollte ein Kind vom Prinzip her in der Lage sein, aus der Brust zu trinken. Dabei legt sich die Zunge bis auf die Unterlippe, dies gelingt nur, wenn das Zungenband lang genug ist. Ist das nicht der Fall und ein Kind kann nur aus der Flasche trinken (oder im schlimmsten Fall auch das nicht) ist etwas nicht in Ordnung. Das Kind sollte ganzheitlich betrachtet werden, Stillprobleme, oder an der Flasche nicht trinken zu können, können verschiedene Gründe haben. Da Bedarf es eine Einschätzung und Untersuchung von Experten.

Wichtig ist: Es sollte für alle Beteiligten eine angenehme, stimmige Situation sein.

Nicht alle Symptome eines zu kurzen Zungenbändchens müssen beim Baby gleichzeitig auftreten, denn manche schließen sich auch gegenseitig aus. Treffen jedoch mehrere Punkte zu, sollte genauer hingeschaut werden, der Blick in den Mund lohnt sich. Viele Eltern haben in Bezug auf ihr Kind häufig ein gutes Bauchgefühl, sagt dieses „etwas stimmt nicht“, sollte dem nachgegangen werden und der Gedanke nicht unterschätzt werden.

  • Das Kind ist nicht in der Lage sich an der Brust „anzudocken“
  • Das Anlegen ist erschwert, das Kind baut kaum ein Vakuum auf
  • Das Vakuum wird häufig mit einem Klicken oder Schnalzen unterbrochen,
  • „Ran-Weg“-Verhalten
  • Das Kind verliert beim Trinken an der Brust oder an der Flasche Milch aus dem Mund
  • Das Kind schiebt die Flasche beim Trinken ständig vor und zurück

 

Beikost

Uneingeschränkte Zungenbewegungen und gutes Kauen sind der Schlüssel für eine „erfolgreiche“ Nahrungsaufnahme. Liegen hier Funktionseinschränkungen vor, kann dies zu Problemen bei der Aufnahme fester Nahrung in jedem Alter führen.

Symptome können ein bleibender Würgereiz beim Essen sein, häufiges Verschlucken, Kauen ohne Seitwärtsbewegungen, kaum Kauen, wiederkehrendes Erbrechen nach Nahrungsaufnahme, Reflux, Verstopfung, etc. sein. Gerade Zungenband- betroffene Kinder gelten oft als Picky Eater, also „mäkelige Esser“, die nur bestimmte Speisen essen und bestimmte Konsistenzen ablehnen.

 

Schlafen

Was kann sich ein zu kurzes Zungenband auf den Schlaf auswirken?

Wir beginnen erneut wieder im Mund. Nimmt unser Mund die Ruhephase ein (Lippen geschlossen), nimmt auch unsere Zunge eine Ruheposition ein. Wir Therapeuten sprechen von einer Zungenruhelage, dass bedeutet, die Zungenspitze hat einen leichten, flächigen Kontakt mit dem harten Gaumen hinter den oberen Frontzähnen. Die Zunge berührt die Zähne nicht.

Liegt unsere Zunge korrekt, führt dies zur Aktivierung des „Entspannungsteils“ des Nervensystems, dem Parasympathikus. Ist dies nicht gegeben, befindet sich unser Körper immer in einem erhöhten Spannungszustand, was einen erholsamen Schlaf verhindern kann.

Ist die Zunge weniger beweglich, kann es zu einer Verlegung der Atemwege kommen. Ein zu kurzes Zungenband und ein Ungleichgewicht der Gesichts- und Zungenmuskulatur können mit atmungsassoziierten Schlafproblemen in Verbindung gebracht werden. So werden Tiefschlafphasen verhindert, viele Betroffene sprechen davon, unausgeschlafen zu sein, obwohl sie genügend Bettruhe hatten. Dazu kommt, dass Mundatmung aufgrund falscher Zungenruhelage zu einer Sauerstoffunterversorgung des Körpers führen kann, was Alarmsysteme des Körpers ebenfalls aktiviert und erholsamen Schlaf verhindert.

Zähneknirschen, Kieferpressen und Schnarchen können Hinweise auf derartige Probleme geben. Auch ein großes Durstgefühl nachts oder nächtlicher Harndrang bzw. Einnässen bis ins Schulalter hinein gelten als Warnzeichen für atemassoziierte Schlafprobleme.

 

Kieferorthopädische oder zahnärztliche Probleme

Die Zunge gilt als der stärkste Muskel des Körpers und hat damit große Auswirkungen auf die Form des Gesichtsschädels, der Mundhöhle und des Gaumens. Zum Teil bleibt bei einer eingeschränkten Zungenbeweglichkeit der Unterkiefer in der Entwicklung zurück und der Oberkiefer bildet sich in der Folge schmal mit hohem Gaumen aus. Diese Veränderungen können weitreichende Folgen nach sich ziehen, wie Zahnfehlstellungen und Atemprobleme. Die Muskulatur ist verändert, die der Körper anders auszugleichen versucht. Aufgrund der eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten der Zunge bei Zungenbandbetroffenen, fehlt dem Mund eine natürliche Reinigungsmöglichkeit für die Zähne und in der Folge können Zahnstein oder Karies auftreten.

 

Auswirkungen auf den Rest des Körpers und Behandlungsmöglichkeiten

Veränderte Mundstrukturen können über verschiedenste Verbindungen auch erhebliche Auswirkungen auf andere Funktionsbereiche des Körpers haben (z.B. Zwerchfell, Blockaden). Es wird geraten den Körper ganzheitlich zu betrachten. Es wird empfohlen, mit Personen aus verschiedenen Fachbereichen zusammenzuarbeiten. Aufgesucht werden können Physiotherapeut*innen, Logopäd*innen, Hebammen, Stillberater*innen, Kinderärzt*innen, Zahnärzt*innen oder HNO-Ärzt*innen.

Haltungsprobleme, wie z.B. Überstrecken als Baby oder ein vorgestreckter Kopf werden ebenfalls mit veränderten Mundstrukturen, funktionseinschränkenden Zungen- und/oder Lippenbändchen,  in Verbindung gebracht.

Zeigen sich bereits falsche Bewegungsmuster können vorbereitende Übungen und begleitende körpertherapeutische Maßnahmen unterstützen.  Auch eine Vorstellung z.B.  bei Kieferorthopäd*innen und HNO-Ärzt*innen kann je nach Situation vor bzw. nach einem Eingriff sinnvoll sein. Wann und ob eine operative Behandlung bei einem funktionseinschränkenden Zungen- oder Lippenbändchen sinnvoll erscheint, ist von vielen Faktoren abhängig. Dies wird idealerweise in Rahmen der Basisberatung (Stillberatung, orale Therapie) besprochen und der weitere Weg aufgezeigt. Die Nachsorge besteht aus aktivem Wundmanagement („Dehnen“ der Wunde) in Kombination mit den Übungen, die die korrekte Beweglichkeit der Zunge und Lippen fördern.

 

 

Quellen Bild:

https://www.mkg-pytlik.de/behandlungen/dentoalveolaere-chirurgie/korrektur-zungenbaendchen